ONENESS24

Leben in Einheit ∗ Einssein im Leben

Eltern und Kinder (4)

05.11.10 von (Eltern und Kinder)

LiebeOpferhaltung und Vergebung

Leiden ist ein Phänomen, das jeder irgendwann in seinem Leben erfährt. Für die meisten Menschen ist es ein vertrauter und treuer Wegbegleiter, und kaum einer liebt diesen ungebetenen Gast. Der Versuch, ihn loszuwerden, erfolgt ebenso regelmäßig wie erfolglos.

Typischerweise suchen wir einen Schuldigen für unser Leiden und gehen auf Spurensuche. Fast jeder weiß heute, dass die Erfahrungen und Prägungen aus unserer Startphase in dieses Leben für den weiteren Verlauf unserer Erdenreise von entscheidender Bedeutung sind. Dort werden die Grundmuster gelegt, wie wir das Leben erfahren und wie wir darin agieren. So sind die Schuldigen schnell gefunden: Unsere Eltern waren – wenn sie uns nicht zu Waisen gemacht oder anderweitig verlassen haben – diejenigen, die den intensivsten Einfluss in diesen frühen Tagen auf uns ausübten.

Und tatsächlich: Wenn wir es nicht bei gedanklicher Auseinandersetzung belassen und die innere Reise dorthin antreten, wo wir noch heute die alten Wunden fühlen können, finden wir unsere Vermutungen bestätigt. Da sind viele Dinge, die haben uns tief enttäuscht, uns Schmerzen zugefügt und unser Vertrauen in das Leben beschädigt. Es ist legitim und naheliegend, Wut darüber zu empfinden. Dies ist der erste Schritt aus der Lethargie und dem inneren Rückzug, die diese prägenden Erfahrungen oft bewirken.

Was hilft nun weiter?

Leiden entsteht nicht einfach aus dem erfahrenen Schmerz. Leiden entsteht aus der fortwährenden Bemühung, Schmerz nicht fühlen zu müssen. Der andauernd aktive Mechanismus der Verdrängung unliebsamer Erfahrungen verbraucht enorm viel Energie und schafft ein inneres Klima von Unfrieden und Druck. Der erste Schritt ist also, den in Kindheitstagen erfahrenen Schmerz soweit wie möglich „ohne Bremse” zu fühlen und zuzulassen. Der Schritt ist so mutig wie großartig, denn er öffnet wieder die Türen zu mir selbst.

Nun fühle ich ihn also wieder, den damals erlittenen Schmerz, die erfahrene Ungerechtigkeit, die lähmende Gleichgültigkeit. Damals war ich dem weitestgehend schutzlos ausgeliefert, doch jetzt und Stück für Stück erwacht meine Kraft und mein Widerstand, und ich werde wütend und bin entschlossen, es nicht einfach dabei bewenden zu lassen. „Warum haben die das getan, wie kann man denn als Eltern nur so herzlos und gedankenlos sein?”

Der Fall ist klar: Sie sind die Täter – und ich das Opfer. Ich war doch noch so klein und ohnmächtig, und sie so groß und übermächtig. Ja, so war es.

Ein guter Zeitpunkt, es jetzt noch einmal tief zu spüren. Vielleicht schließt du für eine Weile die Augen und lässt die Flut deiner Erinnerungen zu. Hier hilft nicht denken, hier hilft nur fühlen.

Nach diesem Innehalten schauen wir einmal aus einem anderen Blickwinkel auf die Geschehnisse.

War ich ausschließlich Opfer? War meine Kindheit und Jugend ausschließlich Schmerz? Habe ich nie Schmerz bei Anderen verursacht?

Opferhaltungen können zu einer lieb gewordenen Angewohnheit im Leben werden, gerade wenn es viele gute Gründe für ihre Berechtigung gibt. Opferhaltungen gehen immer davon aus, dass ich selber nicht verantwortlich und der „Schuldige” ausschließlich verantwortlich ist. Über Opferhaltungen lässt sich sehr viel mehr sagen, belassen wir es aber bei einem sehr praktischen Aspekt: Sie sind für ein Leben in Freiheit und Freude völlig ungeeignet.

Mit der Opferhaltung geben wir unser Leben aus der Hand und überlassen es einem, der sich an unserem Leben „schuldig” gemacht hat. Holen wir dieses Leben also wieder zu uns zurück, in dem wir das Opfer-sein loslassen und schauen, wie es um die Täter steht.

„Nur mit dem Herzen sieht man gut.” Kannst du deine Eltern mit den Augen deines Herzens anschauen?

Es ist leichter, dies zunächst innerlich zu tun. Stelle dir eine Situation vor, wo du mit ihnen zusammen warst – vielleicht erst kürzlich oder, falls sie schon gestorben sind, das letzte Mal. Warst du offen für ihre Erfahrungswelt? Konntest du mitfühlen, was sie fühlten? Hast du ihnen wirklich zugehört oder sie wirklich gesehen? Wie waren ihre Augen, ihre Gesichtszüge?

Wenn du es damals nicht hast wahrnehmen können, dann ist jetzt Gelegenheit dazu. Alles ist noch in dir vorhanden, du musst nur zulassen, dass sich die Tür in dir öffnet.

Wie war wohl ihre Kindheit? Wie waren ihre Eltern zu ihnen? Welches Leid haben sie erfahren müssen? Was hat dies aus ihrem Leben gemacht? Haben sie sich diese Zusammenhänge selber klarmachen können, wie sind sie damit umgegangen? Haben sie sich von den Auswirkungen selber befreien können, oder waren sie gefangen in ihrer zurechtgestutzten Welt? Haben sie eigentlich gelernt zu lieben, andere glücklich und fröhlich zu machen? Ja, waren sie denn überhaupt selber glücklich?

Der ewige Kreislauf aus Leid erfahren und Leid verursachen scheint endlos. Täter sind Opfer, und Opfer werden zu Tätern. Täter und Opfer – sie sind zwei Seiten derselben Medaille.

Wenn du mitfühlend zu deinen Eltern durchdringen kannst, indem du sie wirklich fühlst, dann werden aus Tätern Opfer, die dir genau das gegeben haben, was zu geben ihnen möglich war. Alle Eltern lieben ihre Kinder – innerhalb dieser Grenzen.

Und du? Du kannst jetzt – zumindest ein gutes Stück – aus deinem Opfer-sein aussteigen. Du kannst – zunächst innerlich – auf deine Eltern zugehen und ihnen alles sagen, was dein Herz dich jetzt drängt zu sagen. Sich für den Anderen öffnen, aufeinander zugehen, in die Haut des Anderen schlüpfen und aus seinen Augen in die Welt schauen, das alles führt zu dem, was viele Vergebung nennen.

Vergebung? Dein Herz rebelliert? Was gibt es zu vergeben und wem, wenn mein Herz keinen Täter und kein Opfer mehr fühlt? Nennen wir es vielleicht besser Heilung?

Dein Herz ist aber möglicherweise mit viel Wichtigerem beschäftigt. Zum Beispiel: „Gibt es die Möglichkeit, meine Eltern kurzfristig zu besuchen und sie teilhaben zu lassen? Wie trete ich ihnen gegenüber, was sage ich ihnen?” Und falls du Kinder hast: „Wie erfahren sie mich? Gebe ich ihnen alles, was sie brauchen? Fühlen sie sich auch als Opfer und mich als Täter?”

Das Leben ist Beziehungen. Wen ich vollständig fühlen kann, mit dem bin ich eins.

Eltern und Kinder (1)
Eltern und Kinder (2)
Eltern und Kinder (3)

Leiden,Schuld,Muster,Eltern,Kinder,Schmerz,Verdrängung,Kindheit,Opfer,Täter,Vergebung

Ein Kommentar

  • 1
    Dr. Gunter Woelky:

    Es kann sehr produktiv sein Opfer zu bleiben. Nur wenige Haltungen evozieren so viel Energie wie die Gewissheit, im Recht zu sein und andere ins Unrecht zu setzen. Den Focus auf das Böse im anderen so zu verengen, dass kein Sonnenstrahl mehr in diese Hölle eindringen kann garantiert die Gewissheit, alles richtig gemacht zu haben. Wie schade, dass das nicht dauerhaft funktioniert. Denn „ich bin du“. Schon bemerkt?

    Meinen Klienten sage ich gelegentlich: „Wir sind das Opfer von Opfern.“ Das ist schon einmal dem aufgefallen, der uns aufgefordert hat unsere Feinde zu lieben. 2000 Jahre nach dem Mann aus Nazareth sagt ein anderer Mann (aus Tibet): „Dein ärgster Feind ist dein bester Lehrmeister.“ Beide, der, der seiner Heimat beraubt wurde wie der andere seines irdischen Lebens, werden wissen, worüber sie sprachen. Ach du lieber Gott, ändert sich denn gar nichts, all die Jahrtausende? Doch, doch, doch …

Kommentar schreiben