ONENESS24

Leben in Einheit ∗ Einssein im Leben

Ich selber bin es …

09.11.10 von (Oneness/Bewusstsein)

Auge… nach dem ich gesucht habe.

Hast du schon einmal einem weiblichen Teenager zugehört, als er so ganz frisch von seinen Wünschen an das Leben, vom Traumberuf oder seinem idealen Lebenspartner erzählte? Heranwachsende Damen können das im Allgemeinen um Klassen besser als die Jungherren, denn denen ist solche Schwärmerei zu uncool. Allerdings sind sie im Kern nicht anders, codieren ihre geheimen Wünsche nur versteckter. – Was wäre die Welt ohne große Wünsche? Wie gut, dass es sie gibt: die jungen Damen, die jungen Herren und die großen Träume.

Die Schule ist für die meisten eine mehr oder weniger gut erträgliche Pflichtübung mit mehr Druck, als den jungen Körpern mit den viel älteren Seelen darin meist gut tut. Die inneren Verheißungen an ein Leben, das neue und aufregende Erfahrungen verspricht, haben vielleicht auch diese Zeit überlebt wie einen frostigen Winter und drängen nun der Sonne entgegen wie das junge Grün im Frühling.

Was hat das Leben mir zu bieten? Wo sind die großartigen Erlebnisse, die das Leben für mich bereitgestellt hat?

Praktikum in einer Installationsfirma. Morgens um 7 Uhr auf der Baustelle erscheinen und einfachste Handreichungen durchführen. Ältere Kollegen, die mir verpackt in ihre immer gleichen Sprüche verraten, welche Erfüllung mir in diesem Berufszweig winkt. – Nein, das kann es nicht sein. Fehlgriff – es gibt Besseres. Hoffentlich.

Zehn Jahre später. Studium zum Lehrer längst beendet, Referendariat erfolgreich absolviert. Arbeit mit Kindern – eine gute Chance, an der Wurzel etwas zu verändern. Hoffentlich.

Zehn Jahre später. So ungefähr Halbzeit. Rente irgendwo da hinten. Wenn es sie dann noch gibt. Nachdenken, resümieren, Bilanz ziehen. Heirat gewagt, Kinder gekriegt, Scheidung überlebt. Irgendwo muss es sein, das Glück. Hoffentlich.

Filmende plötzlich, nichts geht mehr. Sackgasse pur. Aussteigen jetzt? Aber wie und wo? Die Erdenreise vorzeitig abbrechen? Oder einen ganz anderen Weg probieren, raus aus der Tretmühle und sich Zeit nehmen zum Nachdenken?

Da war doch einmal viel mehr. Alte Träume streifen deine Haut, ein Song aus der Zeit deiner ersten großen Liebe oder der erinnerte Geruch deiner ersten Pizza werfen dich endgültig vom Stuhl. Verstohlene Tränen und ein Blick in die Tiefen der eigenen Seele auf der Suche nach einem verlorenen Schatz bringen dich schließlich an den Punkt: Weitermachen wie bisher, denn das Leben ist nun mal so wie es ist, oder Reisegepäck zusammenraffen und den Absprung wagen in eine neue Welt.

Neue Wege, geänderte Fassaden, und doch wandert das Alte ungebeten mit. Frischer Lack macht noch kein neues Auto. Motor wechseln, Seele austauschen? Wer bin ich dann noch, ja, wer bin ich überhaupt?

Die Reise bekommt eine neue Richtung: vom Außen zum Innen. Ist das Außen vielleicht wirklich einfach die Widerspiegelung dessen, was ich selber bin? Also nicht mehr Opfer der Umstände sein, sondern mein Leben zu dem machen, was meine tiefsten Wünsche und Leidenschaften herbei sehnen? Meinen inneren Garten umgraben und neu gestalten, und dann die Früchte ernten?

Die Begeisterung über das Gefühl der eigenen Kraft und das Land unbegrenzter Möglichkeiten aktivieren Mengen von Glückshormonen. Schokolade für die Seele. In die Arbeits-Jeans und das T-Shirt geglitten, den Spaten gegriffen mit der fliegenden Geste eines Kunstturners und das Erdreich angestochen wie ein routinierter Dart-Werfer.

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Nach einem halben Meter aber treffe ich auf Hindernisse – erst kleine, dann große, und dann unüberwindlich große Steine. „Wem gehören diesen blöden …?” Wer auch immer diese wunderschönen Steinchen dort in mir vergraben hat, heraus buddeln muss ich sie offenbar selber. Opferhaltung ade.

Eigenverantwortung macht keinen Spaß, Opfer sein war so viel leichter. Da konnte ich wenigstens noch unbehelligt jammern, und mit meinen Freunden war ich mir einig und liebte den gemeinsamen Jammer-Gesangsverein. Jetzt halten mich meine Freunde für einen abgedrehten Spinner, Jammern kann ich auch nicht mehr aus voller Kehle, nicht einmal mehr solo. Gleich interveniert eine innere Stimme und schulmeistert von Rückfall und ähnlichen Unerträglichkeiten. Ich gebe nach. Selbstverwirklichung ist ein harter Weg, der Disziplin und Durchhaltevermögen erfordert. Nichts für Weicheier eben.

Krise und Erschöpfung. Was hat sich wirklich geändert? Waren es früher die unerbittlichen Sachzwänge im Außen, sind es jetzt die gesteckten Selbstverwirklungsziele im Innern. Wo ist die Freude, wo das Gefühl eines erfüllten und reichen Lebens? Müde und widerstandslos lasse ich zu, was mir Disziplin und Wille verwehrten: meine Träume fühlen und wie es war, als ich als Kind spielend meine Welten schuf.

Loslassen, und plötzlich für diese paar Momente befreit von allem, was mich zu etwas machen möchte, was ich nicht bin. Warum ist das nicht genug, so wie ich bin? Muss denn wirklich immer etwas geändert, hier verkleinert und woanders vergrößert werden?

Es war einmal eine Zeit, da durfte ich einfach sein, da genügte es, dass ich einfach da war. So war es vielleicht direkt nach meiner Geburt. Wäre es nicht eine prima Idee, dort wieder anzuknüpfen? Vielleicht ist meine Ur-Version der an die Zwänge dieser Welt angepassten ja haushoch überlegen? Und wie beginne ich? Ja, mich vielleicht einfach so akzeptieren wie ich bin. So ganz ohne Verbesserungswahn. Und dann einfach mal zuschauen, wie die junge Blume wächst – so ganz einfach aus sich heraus zu dem, was schon lange in ihr angelegt ist und sich entfaltet, wenn man es denn zulässt.

Ich selber bin es, nach dem ich gesucht habe. Ich habe mich nur vergessen in dem lauten Geschrei der Ratschläge, wie ich noch viel besser ich selber sein könne. Und das Geschrei war erst außen und dann auch innen und überall.

Endlich Stille, und ich mit mir ganz allein, ganz all-ein.

4 Kommentare

  • 1
    Dr. Gunter Woelky:

    „(…) Ich habe mich nur vergessen in dem lauten Geschrei der Ratschläge, wie ich noch viel besser ich selber sein könne. Und das Geschrei war erst außen und dann auch innen und überall.“
    Man nennt das in der Psychologie „Introjekte“. Sind wir nur die Summe unserer Erinnerungen? Ein beunruhigender Gedanke. Manche haben sich ein Introjekt verabereichen lassen, das sie genau das glauben lässt. Man kann – jeder kann – herausfinden, dass wir gerade nicht unsere Erinnerungen sind. Früher einmal sprach man gern vom „Geheimen Zeugen“ in uns, der das, was das Geschrei ist (und auch was drunter und drüber liegt, um nicht zu sagen: geht) unbeteiligt und allparteilich beobachten kann, ohne sich einzumischen, zu bewerten, abzulehnen oder zu feiern. Dieser geheime Zeuge braucht keine Ratschläge, keine Kritik, keine Tipps für jedermann. Er weiß schon alles, lange bevor, bevor, bevor …

  • 2
    Susann Klötzer:

    Danke für diese wirklich wahren Worte…..die einen zum NACHDENKEN anregen…..

  • 3
    Susan Raith:

    Auch von mir: „Danke für diese wirklich wahren Worte…“
    Ich kann jetzt auch oft die Stille, das mit mir ganz all-ein genießen!

  • 4
    Ottilie Knorr:

    Danke für den Artikel. Danke auch an Dr. Günter Woelky.
    Ja die Introjekte. Sie haben mich ein langes Leben versucht zu bestimmen: Die innere Mutter, der innere Vater, der Pfarrer, der Meister. Lange hat mir der stille Beobachter oder Zeuge geholfen, diese Ratschläge als das zu sehen was sie sind. Meine eigenen „Schläge“, die ich mir pausenlos zufügte.
    Jetzt gehe ich in die göttliche Präsenz, stelle diese „Introjekte“ vor mich hin und schaue sie an mit der ganzen Kraft dieser göttlichen Präsenz – und sie entfernen sich stumm, bis sie nur noch wie ein Stecknadelkopf am Horizont zu sehen sind, und dann sind sie plötzlich weg und es tritt Stille ein. Ein wunderbarer Weg. Danke !

Kommentar schreiben