ONENESS24

Leben in Einheit ∗ Einssein im Leben

Wenn Tiere danke sagen

11.09.10 von (Erde, Mensch und Tier, Liebe, Partnerschaft)

Linus und PetraWas braucht ein Mensch, um sich reich beschenkt und glücklich zu fühlen?

„Also, wenn ich genug Geld hätte, das wäre klasse. Dann könnte ich endlich alles machen, was ich so vorhabe.“
„Ja, dann wäre alles anders. Man hätte viel mehr Möglichkeiten und weniger Sorgen.“
„Das wäre so beruhigend, ich müsste mir darum keine Gedanken mehr machen und alles wäre einfacher.“

Während dieses Gespräches neulich in der Mittagspause bekommen meine Kollegen einen sehnsüchtigen Blick. Ein kleiner Artikel in der Tageszeitung, der von einem Lottospieler berichtet, der das große Los gezogen hat, hat sie ins Träumen gebracht.

Meine Gedanken schweifen nun auch ab. Zugegeben, bei solch einer finanziellen Aussicht würde wohl auch ich einen verschwommenen Blick bekommen (wer nicht?!). Aber andererseits: Schreiben die Zeitungen nicht auch von ganz anderen Dingen oder anderen Menschen, denen es alles andere als gut geht? Menschen, deren Schicksal uns ebenso fern ist wie das Land, in dem sie leben? Oder auch von Menschen, die direkt unter uns leben, denen es am Nötigsten fehlt, wie Essen oder Kleidung. Und sogar diese sind uns manchmal fern. In diesem Moment spüre ich tiefe Dankbarkeit für all den Reichtum in meinem Leben. Es sind so viele kleine und große Dinge, die mich reich machen.

Warum vergessen wir oft diese Geschenke und die Dankbarkeit dafür? Ist uns alles zu selbstverständlich geworden? Meine Gedanken schweifen weiter und landen ganz von alleine bei einem Ereignis, was nun zehn Jahre zurück liegt. Dies ist das schönste Erlebnis von Dankbarkeit, was ich je erfahren durfte und ich sehe und fühle es genauso schön und tief wie heute:

Linus und ich lernten uns ca. ein Jahr zuvor kennen, im Sommer 1999. Er hatte des Öfteren gesundheitliche Probleme, vor allem mit seinen Beinen und Gelenken, was ihn gerade lahmen ließ und Schonung bedeutete. Linus war mein damals 22-jähriger Schimmel.

Für (fast) jeden Pferdebesitzer ist es eine Selbstverständlichkeit, sein Pferd, gerade bei Krankheit, gut zu pflegen und zu versorgen. In diesem Alter sind Lahmheiten nicht auf die leichte Schulter zu nehmen und gehen nicht immer nur gut aus. Ich war sehr in Sorge und hatte große Angst um ihn. Uns verband eine besonders tiefe und innige Freundschaft, so dass ich mich mit all meiner Hingabe um ihn kümmerte, so gut ich konnte.

Ich versorgte täglich seine Beine, gab ihm die Medikamente und bewegte ihn so, wie es sein Gesundheitszustand zuließ. Das bedeutete auch, dass ich ihn nach unserem „Wohlfühl-Programm“ immer am Strick geführt auf die Weide zu seiner Herde zurückbrachte, damit er sich schonte und nicht einfach lostrabte. Das war ihm nämlich durchaus zuzutrauen, trotz Lahmheit!

Normalerweise, sobald ich das Halter geöffnet und abgenommen hatte, drehte er sich ohne Gruß und ohne Umschweife um, um weiter mit seinen Pferdefreunden friedlich zu grasen; ist das doch für ein Pferd mit das Schönste auf der Welt.

An diesem Tag löste ich Linus´ Halfter wie gewohnt und er wandte sich ab zum Gehen. Nach ein paar Metern aber blieb er jedoch stehen. Er drehte den Kopf und schaute sich um. Dann plötzlich wendete er und kam zu mir zurück! Ein paar Schritte vor mir blieb er stehen und sah mich mit seinen großen tiefen Pferdeaugen an. Dann neigte er den Kopf zu Boden, wie ein Nicken, und ich fühlte sein klares und deutliches „Danke“.

Völlig unbeweglich stand ich da, begriff erst gar nicht, was da Unglaubliches geschehen war. Stumme Tränen der Rührung liefen über mein Gesicht, als er sich langsam wieder umdrehte und zu seiner Herde ging.

Dies ist eines der Geschenke, die ich seitdem im Herzen und in meiner Erinnerung trage. Selten hat mich etwas so tief berührt wie dieser Moment, als Linus sich auf seine Weise bei mir bedankte für etwas, was für mich selbstverständlich war zu tun, aber für ihn nicht. Die Tatsache, dass mein Pferd auf eine solche Weise seine Dankbarkeit und Wertschätzung für meine Pflege und Liebe auszudrücken vermochte, lässt mich demütig werden.

Dies ist eines der Geschenke, wegen derer ich mich so unglaublich reich fühle. Für keinen Lottogewinn der Welt möchte ich diese Erfahrung missen.

Langsam kommen meine Gedanken wieder ins Hier und Jetzt zurück, in die Mittagspause. Meine Kollegen haben schon längst das Thema gewechselt und ich wünsche ihnen, dass auch sie die Schätze ihres Lebens erkennen werden.

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