ONENESS24

Leben in Einheit ∗ Einssein im Leben

Nachbar Gott

14.01.14 von (Gott, Gnade, Segen, Liebe, Partnerschaft)

Kloster Santa CatalinaVielleicht bereitet die nachfolgende Sicht auf dieses Rilke-Gedicht Freude. Mein Motiv, dies zu tun, liegt darin begründet, dass ich Rilkes Gedicht an den „Nachbar Gott“ (!) immer sehr geliebt habe, aber nun erst, nach dem eigenen Erwachen, dieses als Danksagung an Gott erkenne – und sich mir erst jetzt die ganze Schönheit und Tiefe dieses alten Gedichtes erschließt. Das ist etwas, was voller Freude gut zu teilen ist.

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds –
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.

Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen.
Und wenn einmal in mir das Licht entbrennt,
mit welchem meine Tiefe dich erkennt,
vergeudet sichs als Glanz auf ihren Rahmen.

Und meine Sinne, welche schnell erlahmen,
sind ohne Heimat und von dir getrennt.

(Rainer Maria Rilke – Das Stundenbuch – Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal, 1899)

Bhagavan erzählt gern, dass das Göttliche nicht fern von uns auf einem Thron sitzt, sondern uns ein naher Freud ist, und dass wir selbst es sind, die sich unseren persönlichen Gott erschaffen können. Mich hat diese Vorstellung anfangs nicht nur irritiert, sondern geradezu empört. Ich empfand die „Idee“ mindestens als anmaßend, wenn nicht Schlimmeres – und konnte mich mit dieser Sicht erst versöhnen, als ich verstand, dass es ungeachtet des eigenen persönlichen Aspekt Gottes eben auch den überpersönlichen Gott gibt, der unmanifest in der Transzendenz bleibt. Die Verwirrung entsteht, weil beide Aspekte als „das Göttliche“ bezeichnet werden können, und eben sowohl gleich aber auch verschieden sind. Da tickt der Mind (Verstand) aus. Der Quantenphysiker versteht das, der Mystiker auch, na, und natürlich der Erwachte, der das fast täglich erfährt.

Nachdem das endlich klar war: Bhagavan hat mir auf diese Weise Jesus Christus näher gebracht als mein Ringen mit und um den Gottessohn all die Jahrzehnte zuvor. Ähnlich wie im „Kurs in Wundern“, wo Jesus den Menschen rät, ihn nicht zu überhöhen und mit einer Ehrfurcht zu begegnen, die nur Gott zustehe, sondern ihm (Jesus) als wegweisendem Bruder und Freund zu erlauben, an der Seite NEBEN uns Menschen zu gehen, beschreibt Rilke in dem Gedicht Gott zunächst als: „Du, Nachbar Gott…“. Er spricht Gott an, als wäre er direkt wahrnehmbar: „Du“! Rilke meint den persönlichen Aspekt Gottes, der für ihn offenbar erfahrbar ist, die „Form“, die Bhagavan „Antaryarmin“ nennt, eine „Form“ Gottes, die Rilke so nah ist, dass er sie „Nachbar“ nennt. Er klopft „hart“ gegen „die schmale Wand“ zwischen ihm und dem Nachbarn Gott, die Nächte sind lang, er klopft wieder und wieder, er ruft seinen Gott nur „manchmal“, aber eben immer wieder – wir können das beten oder meditieren nennen. Rilke weiß, der gute Nachbar ist da, nur ein paar lästige Gedanken (der Mind) stehen als „schmale Wand“ zwischen ihm und der ERFAHRUNG Gottes, die so unendlich viel mehr und anders ist als nur der Glaube an IHN.

Das Bewegende an diesem Gedicht ist, dass der Dichter nicht an die Wand klopft, um von seinem Gott etwas zu erbitten, sondern er, der Mensch, bietet Gott seine Hilfe an: einen Trank. Er weiß, dass Gottes Wunsch den Menschen zu heilen auch der Hilfe des Menschen bedarf, ohne die Gott nur wenig tun kann. Wir sind eingeladen, aufgefordert, an der Heilung der Welt mitzuarbeiten: „Wenn du mich brauchst, Herr, gib ein Zeichen, und ich bin für dich da“. Wir Oneness-Leute tun dies auch mittels Deeksha. Jedes Blessing, das wir anderen geben, hilft auch uns Gebern. Nicht selten kommt es mir so vor, dass ich als Geber mehr von jedem Blessing habe als der Empfänger.

Rilke erwähnt dann, wie dünn „die Wand“ ist, die uns von Gott trennt. Der Mind („ein Rufen deines oder meines Munds – und sie bricht ein, ganz ohne Lärm und Laut“) kann, wenn es „der Zufall“ will – wie jeder ZEN-Meister und fast alle spirituellen Meister lehren – im Nu verschwinden. Die Wand wird durch uns selbst aufrecht gehalten. Bhagavan nennt dies „Mind“, „Ladungen“ – meinetwegen auch Muster, Prägungen, Ego usw. Der „Mind“ trennt uns von Gott, und „Mind“ ist auch ein Synonym für Illusion, Nicht-Jetzt, also die „Bilder, aus denen sie (die Trennung von Gott) aufgebaut“ ist.

Ich gebe zu, jetzt wird die Sache kompliziert. „Du sollst dir kein Bildnis machen“, heißt, unsere Vorstellungen von Gott sind sinnlos, weil sie immer falsch sind. Der Mind kann sich Gott nicht vorstellen. Jeder Erwachte weiß, es ist eine unglaubliche Erleichterung, von diesem Mind mit all seinen Schrulligkeiten, Bösartigkeiten, Eitelkeiten und Ängstlichkeiten befreit worden zu sein; es ist ein wahrer Segen. Rilke kennt den Unterschied zwischen dem allgegenwärtigen Gott und dem persönlichen Aspekt Gottes, der im einzelnen Menschen liegt. „Der Saal“, von dem Rilke spricht, ist die Halle Gottes, das „Reich Gottes in dir“, von dem Jesus berichtet.

Am Anfang des Gedichts ist Gott der Nachbar, zum Ende hin transzendiert Rilke den eigenen Mind („mit welchem meine Tiefe dich erkennt“) und erzählt uns, dass DIESE Art der Gotteserfahrung über den persönlichen Gott hinausgeht. Dann werden alle Formen überflüssig, lösen sich auf, Symbole werden leer und „vergeuden sich als (nur noch) Glanz“. Rilke beschreibt hier das, was manche Menschen als Satori-Erfahrung kennen, als Offenbarung: Das „Allsehende Auge“ verschenkt seine Gnade – für einen kurzen Moment („weil ich dich SELTEN atmen höre“), den nicht Gott beendet, sondern der Mensch, der die Erfahrung nicht einfach so aushalten kann. Jetzt wird der Saal zum unendlichen Raum, dessen Unermesslichkeit nicht auf Anhieb zu verkraften ist. Man muss das üben.

Diese Erfahrung Gottes wird dem damals 24-Jährigen (!) noch nicht zur Kontinuität; der Mensch Rilke, der Erwachte, aber noch nicht Erleuchtete, kann den überpersönlichen Aspekt Gottes nicht festhalten. Er muss zurück zum Anfang seines Gedichtes, er muss erneut anklopfen, den „Nachbar Gott“ anrufen, er wird erneut seine Hilfe anbieten, am großen Werk mitzuarbeiten … so wie wir. Nehmen wir uns „Zeit“ für Rilke, für Oneness, für viele Blessings, für Gott.

Der denkbar größte Dank in dieser Welt gilt AmmaBhagavan, die das Erwachen verschenken wie Gott das Sein. Mögen alle Wesen erwachen und in Frieden leben! Habt ein von Wundern erfülltes Jahr!